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Selbstvorwürfe Angst und Trauer - Die Heilung von Kopf und Herz hat begonnen


Ein Vater schrieb uns:


Mit der uns Medizinern eigenen Hybris war ich davon ausgegangen, dass a) uns sowas sowieso nicht passiert und b) man natürlich völlig rational mit einem Ereignis wie einer Fehlgeburt problemlos umgehen könnte. Mal ehrlich: weit gefehlt!

Denn dann passierte folgendes:

Es war ein schöner Freitag. Wir hatten früh Feierabend, die Sonne schien etwas und eigentlich hätte der Abend beginnen können. Das Sofa rief und der Fernseher lief schon. Alles Gut am Horizont.

Das änderte sich mit den Worten: "da ist ein bißchen Blut".

Die nächsten Minuten waren damit verbracht im (eigenen) Krankenhaus anzurufen, zu erfahren welcher Kollege auf der Gynäkologie Dienst hat und ein Telefonat zu führen. Gott sei Dank: einer der Guten.

Der Rest schon beinahe Routine. Meine Frau auf den Stuhl und im Ultraschall das bekannte Bild. Aber eben nur das Bekannte. Keine Veränderung zum letzten Ultraschall.
Die Befürchtung wird zur Gewissheit, aber eigentlich ja undenkbar.
Der Kollege bemüht sich das Grauen in Worte zu fassen, versucht den Schock zu mildern, aber jetzt im Nachgang war er sich schon sicher. Das Leben das wir gezeugt hatten hat uns verlassen.

Wir einigen uns darauf, dass quasi die Rescue Medikamente eingenommen werden und wir Sonntag nochmal zur Kontrolle kommen.

Ich bemühe mich stark zu sein. Meiner Frau gelingt das nur bedingt und zuhause öffnen sich alle Schleusen. Unendliche Trauer wechselt mit Zorn, medizinisches Wissen mit Hoffnung.

Selbstvorwürfe. Angst und wieder Trauer.

Warum passiert uns sowas? Warum bekommen Frauen die Rauchen und Trinken Kinder und wir gesund lebende nicht.

Und ich erfahre etwas Neues: in den wenigen Wochen der Schwangerschaft ist aus meiner Frau eine Mutter geworden. Die jetzt um ihr Kind trauert.

Die Nacht vergeht, im Wechsel von Tränen, Dösen und Reden. Wir reden über Alles-oder-Nichts, über Träume und uns.

Frühstück am nächsten Morgen fällt aus. Wir reden. Über das Leben, die Ungerechtigkeit und die Qualen.

Manchmal weinen wir beide, oft nur meine Frau. Ich versuche stark zu sein, für mich und für Sie.

Wissen tut es ja eigentlich keiner außer uns. Der Traum es unsren Eltern zu sagen ist geplatzt. Am Nachmittag geht es meiner Frau wieder schlechter, wir wissen nicht mehr weiter. Ich führe ein Telefonat mit meinen Schwiegereltern. Zum ersten Mal bin ich gezwungen das Problem auszusprechen und kämpfe mit den Tränen und verliere. Das Telefonat bringt aber etwas Ruhe rein. Geteiltes Leid ist manchmal doch halbes Leid.

Aus dem Grauen wird im Laufe des Nachmittags im Kopf mehr und mehr Gewissheit. Ich fahre nochmal ins Krankenhaus und hole auf Station ein paar Tabletten zur Beruhigung.

Ist es Resignation oder der erste Schritt zur Akzeptanz und mit Heilung?

Der Satz fällt: ich nehme das jetzt... Ich muss mal schlafen und wenn es Schäden macht, mehr als jetzt kann nicht passieren.

Meine Frau nimmt eine Tablette und mein Herz jubelt als sie Kurz darauf auf dem Sofa schläft. Das gibt mir Zeit mal leise, mal laut zu weinen und meinen Traum vom Vater werden erstmal zu begraben.

Auf dem Weg ins Bett sagt sie dann noch, wenn es soweit ist möchte ich aber nicht lange warten, sondern die Abrasio gleich haben.

Dazu gibt es nur zu sagen : du gibst das Tempo vor.

Sonntag morgen werden wir wach weil es regnet. Passend zu den Tränen die wir vergossen haben. Meine Frau ist gefasst als wir nochmal ins Krankenhaus fahren, der gleiche Kollege hat wieder Dienst so dass wir nichts reden müssen. Das Ergebnis ist aber das Gleiche. Nennen wir es einfach mal beim Namen : keine intakte Schwangerschaft mehr.

Also was tun? Meine Frau schwangt? Gibt es noch eine Chance? Wann ist der richtige Zeitpunkt für den Abbruch?

Der Kollege gibt uns Zeit und wir tun das was für die letzten Tage unsere Aufgabe war... Wir reden.

Meine Frau schwangt zwischen Abrasio gleich, dann aber vielleicht hinterher denken : vielleicht wäre es doch gegangen und warten und das Gefühl des Kind ist tot noch länger ertragen zu müssen. Sie trifft die richtige Entscheidung und wir lassen nur mal ein beta HCG bestimmen. So kann man bei der nächsten Kontrolle durch einen fallenden Wert beweisen dass es tatsächlich zu Ende ist. Der Kollege der Gynäkologie beglückwünscht uns zur Entscheidung. Er ist ein Guter.

Das Gehirn ist aber eine unglaublich komplexe Angelegenheit. Als wir das Krankenhaus verlassen scheint die Sonne und es erscheint wie ein gutes Zeichen. Nicht für diese Schwangerschaft, aber für uns und die Zukunft.

Wir lenken uns mit Elektroplanung für unser Haus und der Steuererklärung den ganzen Nachmittag ab. Und lachen sogar. Das Elend und die Trauer scheinen für den Augenblick vergessen.

Am Abend wird es nochmal hart. Es trifft uns beide. Weinend sitzen wir auf dem Sofa und nehmen Abschied. Zusammen. Von dem Zellhaufen mit Herzschlag der so viele Hoffnungen in uns geweckt hat.
Und stellen fest, dass wir die richtige zeitliche Entscheidung getroffen haben. Mit einer Abrasio am Morgen hätten wir beide das Gefühl dass uns das Kind entrissen worden wäre und wir mit dem Verlust hätten umgehen lernen müssen. Jetzt haben wir das Gefühl uns verabschiedet zu haben und können dieses Kind gehen lassen. Aus der OP wird nicht mehr der Beginn eines Prozesses, sondern der Schlusspunkt hinter einer Trauerphase.

Natürlich wird es noch dauern. Natürlich brauchen wir Zeit. Und die Angst bei der nächsten Schwangerschaft wird nicht kleiner. Die Unbeschwertheit ist weg.

Aber dieses kleine Lebewesen, das mal Teil von uns war. Das kann nun in Ruhe endgültig von uns gehen.

Ich schreibe diese Zeilen und meine Frau liegt neben mir und schläft. Und das ist gut. Mein Herz jubiliert denn ich höre, dass sie zur Ruhe kommt.

Die Heilung von Kopf und Herz hat begonnen. Und ich bin dankbar.

Die Abrasio der 22g (wie der Pathologiebericht danach gnadelos aufführt) findet dann am nächsten Tag statt...

Fotografen wie Sie waren in unserer Situation nicht möglich und doch empfinde ich beim Lesen Ihrer Einsatzberichte eine so tiefe Dankbarkeit für Ihr Werk, dass ich dies einfach Ihnen gegenüber mal zum Ausdruck bringen möchte! Von ganzem Herzen herzlichen Dank!

Zugleich bedauere ich, dass ich dieses Talent nicht erhalten habe, wünsche aber jedem von Ihnen Gesundheit und Glück, denn Menschen wie Sie gibt es heute viel zu wenige.

Am 5.12.2017 ist die Bekanntgabe des Gewinners zum Deutschen Engagementpreis 2017. Nun sind wir alle gespannt.

Wir wurden im September nominiert!




Gewinner Publikumspreises 2017 Smart Hero Award