Der kleine Kämpfer
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Der kleine Kämpfer


Es ist Dienstag, 13 Uhr. Ich bin gerade auf dem Weg in den Wald mit meinem Hund. Die Sonne scheint, die Bäume tragen noch das restliche bunte Laub auf ihren Kronen, als der Alarm am Handy ertönt. Ich schau aufs Display und entdecke sofort ein Wort: Linz. In Sekundenbruchteilen ist mir klar, dass ich den Einsatz in der eigenen Stadt annehme. Kurz geht mir noch durch den Kopf: heute kann ich, morgen und in den nächsten Tagen auch, falls es kein sofortiger Einsatz wäre. Meine Mutter ist meine Begleitung beim Hundespaziergang, ich entschuldige mich bei ihr, dass ich nun kurz im Forum was checken und erledigen muss.

Nachdem ich mich eingetragen habe, kommt auch sofort das OK von Oliver, dass ich die Eltern anrufen kann. Ein Adrenalin-Stoß, aber es bleibt keine Zeit lange darüber nachzudenken. Ich wähle die Nummer und eine sehr ruhige Mama hebt ab. Ich stelle mich vor, und sage ihr, dass ich vom Verein Dein Sternenkind bin. Die erste Reaktion: „Wow, das geht ja schnell bei euch! Ihr seid so toll!“ Sie erzählt mir, dass Jan seit der Geburt vor fünf Monaten an diversen Schläuchen und am Beatmungsgerät hängt und sie noch dazu am Wochenende die Diagnose „Zellweger Syndrom“ erhielten. Diese ist ausnahmslos tödlich. Sie weiß nicht, wie lange ihr Sohn noch leben wird. Sie glaubt, dass er das Wochenende nicht mehr überstehen wird, da er schon sehr, sehr schwach ist. Ich sichere ihr zu, dass ich den Einsatz machen werde, und sie mich zu jeder Zeit anrufen kann. Auch nachts. Während des Gesprächs schluchzt sie einmal heftig und sagt nur: „Ich bin so froh, dass es euch gibt!“

Nun heißt es warten. In der Nacht nehme ich mir das Handy mit, damit ich den Anruf nicht verpassen kann. Tagsüber lese ich viele Einsatzberichte im Forum, da es ja mein erster Einsatz sein wird und ich mich vorbereiten möchte. Ich bereite meine Kamera vor, lade die Akkus auf, und kontrolliere meine Tasche mit dem Zubehör (Decken, Blumen, Häubchen, etc.). Alles steht bereit.

Donnerstag, 6.45 Uhr. Das Handy läutet. Die Nummer die sich mir am Display zeigt, erklärt alles. Mir war klar, dass der kleine J. seinen Kampf verloren hat. Seine tapfere Mama sagt nur kurz, dass J. soeben verstorben ist. Tja, was sagt man in so einer Situation? Ich glaube, kein Mensch wird so richtig geübt in dieser Sache. Ich bleibe ruhig und sage nur, dass ich mich dann gleich auf den Weg mache. Mit den Worten „Ich bin bald bei euch“ verabschieden wir uns am Telefon.

Noch kurz ins Bad gehuscht, keine Zeit – und auch keine Lust – auf Frühstück. Rein ins schwarze Sternenkind-T-Shirt.
Mein Hund müsste eigentlich auch noch raus. Keine Zeit dafür, so leid es mir auch tut.

Ich schreibe meiner Mutter eine Nachricht, ob sie so lieb sein und mit ihm Gassi gehen könnte.
Auch das erledigt sich prima, ich brauche mir deswegen keine Gedanken machen. Ohne Unterstützung geht’s nicht.

Es ist kurz nach sieben Uhr früh in Linz. Wer unsere Stadt kennt, weiß auch, was sich jeden Tag bei uns im Straßenverkehr abspielt. Ich überlege, ob ich mit dem Zug fahren soll – an normalen Arbeitstagen fahre ich immer mit dem Zug (ich wohne im südlichen Teil unserer Stadt, von dort ist man mit dem Zug in 8 Minuten im Zentrum). Doch in diesem Fall bevorzuge ich doch das Auto. Der schwere Fotorucksack, die Tasche mit dem Zubehör und das Nichtwissen wie es mir nach dem Einsatz gehen würde, waren Grund genug. Überraschenderweise ging es sehr gut voran. Im Radio spielt „One day I ́ll fly away“ von Randy Crawford. Jan hat sich entschlossen, heute zu den Sternen zu fliegen.

Wie doch oft alles zusammenpasst ......

Nach knapp 30 Minuten war ich in der Kinderklinik. Ich fahre mit dem Lift in den zweiten Stock zur Intensivstation. Ich läute und als sich die Schwester in der Gegensprechanlage meldet, sage ich, dass ich zu J. wolle. Sofort ertönt das Signal und die Tür lässt sich öffnen, ohne dass noch irgendwelche Fragen kommen oder Erklärungen erforderlich sind. Offensichtlich hat mich J. ́s Mama schon angekündigt. Ein paar Schwestern stehen am Gang zusammen, als sie mich sehen, entgegneten sie mir nur ein freundliches und leises „Bitte?“, obwohl sie mir das Gefühl geben, dass ich schon erwartet werde. Ich frage nach J. Sie nicken nur mit gesenktem Kopf und bringen mich sogleich zum Zimmer, wo der kleine tapfere Stern mit seinen Eltern wartet. Nochmal kurz tief durchatmen, was erwartet mich???

Ich trete ein. J ́s Mama steht angelehnt am Schreibtisch, mit Blickrichtung zu mir. Als sie mich sieht, kommt sie mir entgegen und sagt, sie ist so glücklich und dankbar, dass ich so schnell kommen konnte. Das nassgeweinte Gesicht und die erschöpfte Haltung zeugen von einer unglaublich langen und schweren Zeit, aber gleichzeitig strahlt sie auch Hoffnung aus. Der Papa sitzt mit J. in einem Lehnstuhl, er kann mich in seiner Trauer nicht wahrnehmen. Er blickt auch nicht auf, wie erstarrt hält er seinen Sohn im Arm, dabei tropfen viele Tränen über sein Kinn.

Ich lasse mir Zeit, und öffne ganz leise meinen Rucksack und nehme die Kamera heraus.
Alles ist so ruhig und feierlich.
Heimelig – heilig.

Ich weiß nicht, wie ich die Stimmung beschreiben soll. Sie ist aber auf keinen Fall bedrückend. Die Palliativ-Schwester Isabella und Stationsschwester Nikola waren ebenfalls im Zimmer. Wir begrüßen uns kurz. J ́s Mama kommt auf mich zu und fragt wie das ganze nun ablaufen wird. Ich erkläre ihr, dass ich zu fotografieren beginne, wann sie es wollen.

Es gab auch nicht viel zu reden, im Nachhinein wird mir bewusst, dass wir fast gar nichts miteinander gesprochen haben. Unsere Blicke reichten aus. Ich fange an, die ersten Bilder zu machen. Es fällt mir leicht, nichts ist kompliziert, alles fühlt sich richtig an.

Nach einiger Zeit steht der Papa auf und gibt J. in die Arme der Mama. Er kommt gleich auf mich zu und sagt, er freut sich, mich kennenzulernen und ist so froh, dass ich da bin.
Nun kann die Mama nochmal ihr Baby schaukeln und ihm ganz nah sein. Als sie ihren Schmerz nicht mehr aushält und ihn laut rausschreit, laufen auch bei mir die Tränen.

Und trotz dieser unfassbaren Trauer und diesem herzzerreißenden Moment strahlt diese junge Frau eine unglaubliche Schönheit, Mütterlichkeit und Kraft aus. Ich hoffe, ihr versteht, was ich meine. Für so manche Momente gibt es keine Worte.

Ich schäme mich nicht für meine Tränen. Wir sind doch alle nicht aus Stein. Und wie ich schon des öfteren in etlichen Einsatzberichten lesen konnte – wir können uns zum Glück hinter unserer Kamera verstecken. Oder besser gesagt, uns daran festhalten. Manchmal braucht man Halt im Leben. Woran hält diese junge Familie nun fest?

J ́s Mama, fragt mich, ob es in Ordnung wäre für mich, wenn sie J ́s Zwillingsbruder M. holen würde. Ob ich noch so viel Zeit hätte? „Ja, natürlich! Ich hab Zeit!“ „Wir auch. Seit heute haben wir auch Zeit.“

Während sie M. von zu Hause abholt, genießt der Papa die Zeit mit J. in den Armen, ich halte mich dabei ganz im Hintergrund auf. Nach einiger Zeit entschuldigt er sich bei mir für sein „Nicht-gesprächig-Sein“. Er will noch Zeit mit seinem Kleinen verbringen.

Sr. Nikola ist fast ständig bei uns im Zimmer, und steht dem Papa auch beim Waschen von J. zur Seite. J ́s Papa, redet die ganze Zeit mit ihm. Er zeigt ihm auch die Kleidungsstücke, die er ihm anziehen wird, hält sie ihm hin, „schau, ist das in Ordnung, was wir ausgewählt haben?“......

Er erklärt seinem Sohn jeden Handgriff, streichelt und küsst ihn bei jeder Gelegenheit.
Meine Güte, welch unglaublich liebevolle Eltern!

Danach wird er frisch angezogen.....ein weißer Body mit einer bunten Rakete, die zu den Sternen fliegt.....!

Als B. wieder kommt, nimmt sie auch frischen Wind mit. Die Stimmung verändert sich mit ihrer Ankunft. Die Situation scheint ein wenig leichter, ich glaube diese „Pause“ hat ihr sehr gut getan.

M. ist ein richtiger Sonnenschein, er ist recht ruhig und gelassen. Keine Spur von Aufregung oder sonstigem Stress. Er lässt das Fotografieren sehr geduldig über sich ergehen. M. wird gut platziert, J. wird in seinen Schoß gelegt, um Erinnerungen für die Ewigkeit zu schaffen. Wir machen Familienbilder, für einen kurzen Moment fühlt es sich an wie ein „normales“ Shooting. Mama und Papa lachen sogar auf diesen Bildern. Welch wunderbare Momente!

Die Eltern bereiten die mitgebrachten Mal-Utensilien vor, sie wollen noch einen Handabdruck von J. machen. Zuhause haben sie schon ihre eigenen Hände auf farbigem Papier verewigt, nun kommt noch J ́s Händchen mit drauf. Sie bemalen J ́s Handfläche mit blauer Farbe und drücken sie sanft auf die vorbereiteten Kunstwerke.

Währenddessen ergibt sich ein Gespräch mit der Palliativ-Schwester Isabella, die mich fragt, wie Dein-Sternenkind funktioniert, und sie das ganz großartig findet. Zum Glück hab ich mir erst vorige Woche einige Folder ausgedruckt und hab sie auch mit in meiner Tasche. Ich erzähle ihr wie wir arbeiten, und gebe ihr einen Folder. Dann sagt sie zu mir: „Das muss ich unbedingt den anderen Stationen weiter erzählen.“ Daraufhin gebe ich ihr noch mehr Folder mit. „Sie können sich auf mich verlassen, ich nehme das in die Hand, dass wir uns mit euch gut vernetzen!“ An dieser Stelle möchte ich Schwester Isabella D. recht herzlich danken.

Für ihr Dasein und ihr nettes Gespräch.

Danach darf ich die Familie noch in den Verabschiedungsraum begleiten.
M. kann sich nochmal von seinem Bruder verabschieden und als ihn B. von ihm weghebt, fängt M. in diesem Moment an zu plaudern, was er bisher noch nie gemacht hat....

Es waren ganz magische Momente an diesem Vormittag dabei, die man in Worte nicht fassen kann. Für mich ein ganz erhebendes Erlebnis, bei dem mir klar geworden ist, welch schöne Aufgabe wir hier erfüllen können. Es war mir eine große Ehre, diese wunderbare Familie begleiten zu dürfen!


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