Mathilda- Mein erstes Sternchen. Abschied auch für den großen Bruder
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Mathilda- Mein erstes Sternchen. Abschied auch für den großen Bruder


Fast auf den Tag genau 11 Monate nachdem ich bei Dein-Sternenkind als Fotografin aufgenommen wurde, kam es erst am 16. Februar 2018 zu meinem ersten Einsatz.

Lang waren die Monate in denen ich der Organisation nun schon angehörte und mich jedes Mal so nutzlos fühlte, wenn ich einen Alarm nicht annehmen konnte, weil er einfach zu weit weg für mich war.
Einerseits ja schön, das die Alarmgruppen ineinander übergreifend recht groß sind.
Für eine alleinerziehende Mama mit zwei Jobs aber auch nicht so ohne weiteres möglich sich ins Auto zu setzen, für einen Einsatz der 140 km vom Wohnort entfernt ist und somit die reine Fahrzeit schon fast 4 Stun- den dauert.

Und da kam er dann. Ein Call Ende 2017. Diesmal lag das Krankenhaus „nur“ 90 km entfernt und die Kleine war noch nicht auf der Welt. Eine furchtbar traurige Geschichte. Die werdende Mama wusste, dass ihr kleines Mädchen ohne funktionierende Nieren das Licht der Welt erblicken würde. Lauter medizinisch unglückliche Umstände sorgten zudem dafür, dass ihre Lunge nicht vollständig ausgebildet war.

Es war nicht abzusehen, wie lange die Mama ihre kleine Prinzessin noch unter ihrem Herzen tragen konnte, aber sie wollte sie auf jeden Fall einmal in den Armen halten. Sie sollte selbst entscheiden, wann sie sich auf den Weg macht.
Ich bot mich also im Forum als Backup an und hoffte, dass meine eigenen Kinder an dem Tag an dem ich gebraucht werden würde gut versorgt wären. Und so kam es dann auch. Am Dienstag, den 13.02.2018 wurde der Call wiederholt. Die Kleine war nun sogar schon über der Zeit und die Geburt sollte eingeleitet werden.

Das bevorstehende Wochenende ein Papawochenende, sodass ich das ganze Wochenende Zeit gehabt hätte. Aber so lange würde doch so eine Einleitung nicht dauern?! Oder doch? Mindestens drei Fotografen standen im Forum im ständigen Kontakt zueinander und ich war die erste Backup Fotografin für den Freitag. Mittwoch, keine Nachricht, Donnerstag, nichts rührte sich. Dann der Freitag, ich hatte schon um kurz nach 6 Uhr einen entgangenen Anruf der ersten Fotografin, während ich die Kinder für die Schule fertig machte.

Oh Gott, es ist soweit! Aufregung schoss mir durch den Körper. Schnell die Kinder auf den Weg gebracht und bei der Mama angerufen.

Eine sehr ruhige, freundliche Stimme erwartete mich am anderen Ende der Leitung. Die kleine Maus lag auf dem Bauch ihrer Mama während sie mit mir sprach und wir uns für 1 1/2 Stunden später verabredeten.
Ich traute mich nicht nachzufragen, ob die Kleine noch bei ihr war und so machte ich mich auf den Weg, nicht wissend ob die kleine Seele schon ihren Körper verlassen hatte.

Gut eine Stunde und 10 Minuten hatte ich Zeit, mich zu beruhigen, oder mich verrückt zu machen.
Aber es fühlte sich ganz anders an, als ich es erwartet hatte. 11 Monate lang hatte ich Angst vor meinem ersten Einsatz. Es gab Monate in denen ich meine Entscheidung, Sternenkinder fotografieren zu wollen, in Frage stellte. Jedes Mal wenn der Alarm ging und ich den Call abgelehnt habe, fühlte ich mich mies.
Und da saß ich nun im Auto, ganz allein und war plötzlich ganz ruhig. Ich wusste, ich würde gleich Fotos von einem kleinen Mädchen machen, die ersten und die letzten, die der Mama vermutlich alles bedeuten würden und ich hatte nur einen Gedanken! Versau es nicht! Irgendwie erwischte ich mich plötzlich dabei in Gedanken vor mich hin zu beten. Das hatte ich schon echt lange nicht mehr getan. Aber ich wünschte der Kleinen innerlich eine friedliche Reise.

Die Autobahnabfahrt, nur noch wenige km bis zur Klinik. Hoffentlich bekomme ich auch einen Parkplatz! Was für blöde Gedanken man sich machen kann! Aber ich wollte mich auf keinen Fall verspäten.
Und da war ich. Auf der Station angekommen empfingen mich die Schwestern schon mit einem mitleidigem Lächeln. Ich dachte, man würde mich vielleicht auf das Zimmer bringen, aber ich bekam nur eine Nummer. Noch einmal durchatmen und angeklopft.

Und da lagen die beiden. Die Mama mit der Kleinen auf die Brust gekuschelt. Auf dem ersten Blick ein ganz normaler Babybesuch. Wir flüsterten. Auf dem Stuhl neben dem Bett die Tante der kleinen Mathilda. Natürlich eine der traurigsten Stimmungen denen ich bisher in meinem Leben bisher je begegnet bin.
Aber auch einer der liebevollsten Momente die ich jemals erlebt habe. Der Raum war so voll von Liebe!


Ich stellte mich den beiden vor und entschuldigte mich dafür, dass dies mein erster Einsatz war. Ja, klingt komisch, aber ich hatte ein schlechtes Gewissen das ich noch keine Erfahrung mitbrachte. Ich wollte nicht, dass die Familie ein ungutes Gefühl hatte, nur weil ich noch nie ein verstorbenes Kind fotografiert habe, aber ich konnte ihnen auch nicht die Sicherheit vorgaukeln so zu tun, als wäre ich darin routiniert.

Und so entschied ich, dass es besser wäre sie wüssten Bescheid. Sie waren sehr ruhig und entspannt.
Der erstgeborene Sohn, der große Bruder der kleinen Mathilda sollte gleich hinzukommen. Da ich inzwischen wusste, die kleine Mathilda hatte sich bereits vor ein paar Stunden auf den Weg gemacht, machte mich die Ankunft ihres großen Bruders für den Moment fast nervöser.
Wie würde so ein kleiner Mensch auf seine leblose Schwester reagieren? Ich hatte inzwischen meine Kameras vorsichtig ausgepackt und angefangen die ein oder andere Aufnahme zu machen.
Ein paar Tage zuvor hatte ich noch zwei kleine Sterne genäht, einen gefüllt, wie ein kleines Kissen und einen ohne Füllung, zum Einrahmen, so der Gedanke. Ich fragte die Mama, ob ich ihrem Sohn das kleine Sternchen als Erinnerung an seine Schwester schenken dürfe. Sie war einverstanden.
Und dann klopfte es plötzlich und ihr Sohn und ihr Lebensgefährte steckten den Kopf durch die Tür.
Große Wiedersehensfreude zwischen Mutter und Sohn. UND MATHILDA! DAS BABY IST DA!
Ein Moment, in dem ich mir nochmehr die Tränen wegdrücken musste. Er wusste es noch nicht. Natürlich wusste er es noch nicht. Der kleine Mann freute sich so dermaßen, seine kleine Schwester endlich in die Arme zu nehmen, dass es mir in der Seele weh tat. Ich wusste in dem Moment gar nicht wo ich hinsehen sollte und hielt mich erstmal wieder zurück mit meiner Kamera. „Die arme Mama“, dachte ich.

Nicht genug, der Schmerz ein Kind zu verlieren kaum, dass es auf der Welt war. Aber es auch noch dem „großen“ dreijährigem Bruder beibringen zu müssen. Ich konnte mir in dem Moment nichts schlimmeres vorstellen und musste immer wieder schlucken. Hin- und hergerissen, ob ich meinen Erstgeborenen in dieser Situatuion hätte ins Krankenhaus kommen lassen wurde ich Zeuge einer unglaub lichen Familiengeschichte. Und es ist eine abstruse Mischung von Scham- und Ehrgefühl gewesen, eine Familie in einer solch intimen Lebenssituation zur Seite stehen zu dürfen.


Natürlich verwenden wir in der Sternenkindfotografie keine Accessoires, aber Krankenhäuser sind nun mal extrem steril und so hatte ich eine kuschelige graue Wolldecke im Gepäck. Das Bett fast 90° aufgerichtet und die Decke darüber, konnte ich wenigstens ein wenig kuschelige Atmosphäre schaffen.
Vielleicht in diesem Moment von keiner großen Bedeutung. Aber vielleicht irgendwann später schön, sein Kind in den Armen zu halten und nicht die gestreifte Krankenhaus Bettwäsche mit auf einem der wenigen Fotos zu haben, die einem bleiben. Noch immer bewundere ich Insa für ihre Ruhe und Geduld. Ich stelle es mir unfassbar schwierig vor - vom Schicksal so geschlagen - stark zu sein für den Rest der Familie.

Seinem Sohn mit solch einer ruhigen, liebevollen Art zu erklären, dass seine kleine Schwester leider sehr sehr schwer krank ist und sie sie leider nicht mit nach Hause nehmen können.

Und je länger ich in diesem Raum war, je sicherer war ich mir! Sie hat alles genau richtig gemacht. Wie viele Kinder sind wohl in der Vergangenheit schon daran verzweifelt, dass die Mama mit einer Babykugel ins Krankenhaus gebracht wurden und ohne Geschwisterkind völlig traurig und verzweifelt wieder zurück nach Hause kamen. Wie soll ein Kind von drei Jahren das denn verstehen? Mamas Bauch ist monatelang immer größer geworden, man freut sich auf ein Geschwisterchen und dann kommt Mama allein zurück und ist furchtbar traurig.

Indem sie ihm diesen für ihn unbeschwerten Moment der Freude, der Begrüßung geschenkt hat, wird er sich später an seine kleine Schwester erinnnern können! Sie war da, GREIFBAR! Er hatte sie auf dem Arm, in den Armen!
Nachdem die drei sich ein paar Minuten begrüßt und bekuschelt hatten, machte ich noch ein paar Auf-nahmen von allen dreien und von Mathilda allein mit ihrem Bruder. Natürlich hat der Kurze gemerkt, dass mit seiner Schwester etwas nicht stimmt. „Mama warum ist Mathilda so leise?“

Tränen kullern.... bei jedem von uns. „Mathilda geht es leider nicht gut mein Schatz“.

Zum Abschied hab ich dem kleinen Mann noch sein Sternchen aus meiner Schachtel gegeben. „Eins für Dich und eins für Mathilda“ .... Vielleicht rahmt er es sich eines Tages zusammen mit einem Kuschelfoto der beiden ein. Vielleicht liegt es irgendwann zusammen mit den Bildern in einer Schachtel.
Hauptsache. er und seine Familie können durch meine Bilder die Erinnerung an Mathilda immer wieder auffrischen, wenn ihnen danach ist. Von da an fühlte sich der Alarm anders an. Ich wusste nun, das es zu 100% die richtige Entscheidung war und beim nächsten Mal war die Angst schon nicht mehr so groß.

Vor Kurzem habe ich die beiden wieder getroffen. Zusammen mit der Tante haben wir uns nach ein paar Monaten nochmal wieder getroffen, gepicknickt und nochmal ein paar Bilder gemacht.
Es war sehr schön die beiden bzw. die drei nochmal unter anderen Umständen wiederzusehen. Nachdem wir uns auf so traurige Weise begegnet sind, war es total schön, die Familie auch mal fröhlich zusammen zu sehen. Und Mathilda war irgendwie trotzdem dabei! Wo ist Mathilda fragte ihn seine Mama in meinem Beisein. Wie selbstverständlich gingen die kleinen Händchen in die Luft, gefolgt von seinem lächelnden Blick: „Mathilda ist im Himmel!“ .

Ich danke Insa von ganzem Herzen, dass wir diese überaus privaten Bilder anderen betroffenen Eltern zeigen dürfen um ihnen vielleicht auch Mut zu machen, die Geschwister nicht Zuhause zu lassen.



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